Indikatoren entlang der CARE-IT Prinzipien
Die folgenden Indikatoren dienen der strukturierten Einschätzung der organisatorischen Verankerung der acht CARE-IT Grundprinzipien (P1–P8).
Sie sind keine Checkliste und kein Audit-Instrument.
Sie ersetzen keine Bewertung durch Kennzahlen.
Sie unterstützen eine interdisziplinäre, qualitative Einordnung der strukturellen Reife.
Eine numerische Aggregation ist ausdrücklich nicht vorgesehen.
P1 – Klinische Wirksamkeit
Strukturelle Hinweise auf höhere Reife
- Klinische Wirksamkeit ist explizit als Priorisierungskriterium definiert
- Digitale Investitionen werden vor Einführung an klar benannten Nutzenkriterien gespiegelt
- Klinische Zweckverantwortung ist institutionell verankert
- Wirkung wird nach Einführung strukturiert reflektiert
- Systeme ohne erkennbaren Versorgungsbeitrag werden hinterfragt
Niedrige Reife zeigt sich durch
- technikgetriebene oder budgetgetriebene Entscheidungslogik
- fehlende explizite Nutzenbegründung
- Priorisierung nach Verfügbarkeit statt Versorgungswirkung
Reflexionsfragen
- Wird klinische Wirksamkeit explizit als Referenzgröße benannt?
- Können digitale Entscheidungen mit konkretem Versorgungsbezug begründet werden?
- Ist Wirkung strukturell überprüfbar oder nur implizit angenommen?
P2 – Ganzheitliche Systemverantwortung
Strukturelle Hinweise auf höhere Reife
- Systemverbünde sind transparent beschrieben
- Integrationsabhängigkeiten sind sichtbar
- Entscheidungen berücksichtigen den Gesamtzusammenhang
- Gesamtverantwortung für Verbünde ist geregelt
Niedrige Reife zeigt sich durch
- isolierte Optimierung einzelner Komponenten
- reaktive Behandlung von Schnittstellenproblemen
- fehlende Übersicht über systemische Wechselwirkungen
Reflexionsfragen
- Werden Systeme als Verbund oder als Einzelkomponenten betrachtet?
- Sind Abhängigkeiten vor Entscheidungen sichtbar?
- Gibt es eine explizite Gesamtperspektive auf Versorgungszusammenhänge?
P3 – Transparente Verantwortungszuordnung
Strukturelle Hinweise auf höhere Reife
- Klinische Zweckverantwortung ist benannt
- Betreiberverantwortung ist dokumentiert
- Integrationsverantwortung ist zugeordnet
- Risikoentscheidungen sind nachvollziehbar verankert
- Eskalations- und Entscheidungswege sind definiert
Niedrige Reife zeigt sich durch
- implizite oder personenabhängige Zuständigkeiten
- unklare Verantwortungsübernahme bei Zwischenfällen
- informelle Entscheidungslogik
Reflexionsfragen
- Ist Verantwortung unabhängig von Personen nachvollziehbar?
- Sind Risiko- und Betriebsverantwortung explizit dokumentiert?
- Beginnt bei Problemen die Suche nach Zuständigkeit?
P4 – Gemeinsame Verständlichkeit
Strukturelle Hinweise auf höhere Reife
- Technische Sachverhalte sind klinisch anschlussfähig dargestellt
- Eine gemeinsame Terminologie ist etabliert
- Systemdarstellungen sind interdisziplinär lesbar
- Entscheidungsgrundlagen sind disziplinübergreifend verständlich
Niedrige Reife zeigt sich durch
- fachlich isolierte Dokumentationswelten
- technikzentrierte Diskussion ohne Versorgungsbezug
- Missverständnisse zwischen Disziplinen
Reflexionsfragen
- Können technische Risiken klinisch eingeordnet werden?
- Werden Systemdarstellungen disziplinübergreifend verstanden?
- Existiert eine gemeinsame begriffliche Referenz?
P5 – Patientensicherheit als normative Grenze
Strukturelle Hinweise auf höhere Reife
- Patientenrelevante Risiken werden systematisch identifiziert
- Risikoentscheidungen werden explizit dokumentiert
- Nutzen-Risiko-Abwägungen sind transparent
- Verantwortung für Risikoübernahme ist klar geregelt
Niedrige Reife zeigt sich durch
- implizite Risikoübernahme
- rein formale Konformität ohne strukturelle Bewertung
- fehlende Dokumentation von Risikoentscheidungen
Reflexionsfragen
- Werden patientenrelevante Risiken bewusst bewertet?
- Ist klar dokumentiert, wer Risiken verantwortet?
- Werden Nutzen und Risiko systematisch gegeneinander abgewogen?
P6 – Nachhaltige Betriebsfähigkeit
Strukturelle Hinweise auf höhere Reife
- Lifecycle-Aspekte sind vor Einführung berücksichtigt
- Wartbarkeit und Updatefähigkeit sind abgesichert
- Ressourcen für Betrieb sind realistisch geplant
- Abhängigkeit von Einzelpersonen ist reduziert
Niedrige Reife zeigt sich durch
- reaktiven Betrieb
- fehlende Lifecycle-Strategie
- strukturelle Überlastung des Betriebs
Reflexionsfragen
- Ist der Betrieb langfristig stabil abgesichert?
- Sind End-of-Life- und Migrationsrisiken sichtbar?
- Ist Wartbarkeit strukturell eingeplant oder nachgelagert?
P7 – Informationsintegrität
Strukturelle Hinweise auf höhere Reife
- Klinisch relevante Informationen sind systemübergreifend konsistent
- Datenflüsse sind transparent beschrieben
- Verantwortlichkeit für Datenqualität ist geregelt
- Informationsverluste oder Inkonsistenzen werden erkannt
Niedrige Reife zeigt sich durch
- inkonsistente Informationsstände
- unklare Datenverantwortung
- fehlende Transparenz über Schnittstellen
Reflexionsfragen
- Sind kritische Informationsflüsse nachvollziehbar?
- Ist klar, wer für Datenqualität verantwortlich ist?
- Können Informationsinkonsistenzen systematisch erkannt werden?
P8 – Innovationsfähigkeit
Strukturelle Hinweise auf höhere Reife
- Neue Lösungen werden strukturiert bewertet
- Systemverbund-Auswirkungen werden vor Einführung analysiert
- Projekt-zu-Betrieb-Übergaben sind abgesichert
- Organisation lernt systematisch aus Einführungen
Niedrige Reife zeigt sich durch
- fragmentierte Pilotlösungen
- innovationsgetriebene Instabilität
- fehlende nachhaltige Integration in den Regelbetrieb
Reflexionsfragen
- Können neue Lösungen wiederholbar integriert werden?
- Ist Innovation strukturell abgesichert oder personenabhängig?
- Bleibt der Betrieb trotz Innovation stabil?
Anwendung
Die Bewertung erfolgt idealerweise:
- interdisziplinär
- diskursorientiert
- systemverbundbezogen
- regelmäßig reflektierend
Die Indikatoren dienen der strukturellen Einordnung – nicht der Punktbewertung.
CARE-IT versteht Reife als Organisationsfähigkeit, nicht als Kennzahl.